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„Wir werden dafür bezahlt, dass wir an die Menschen glauben!“

arbeit plus Wien: Lieber Thomas, du bist ja wirklich Geburtshelfer von Job-TransFair gewesen, du warst von der ersten Sekunde an dabei. Was war damals eigentlich der Auftrag an euch?

 

Thomas Rihl: Geburtshelfer war der Pepi Matzek von der damaligen Metaller-Gewerkschaft. Wir waren irgendwie so ein bisschen die Eltern, die Ulli Kern und ich. Und der Auftrag war, von Trendwerk ist was ausprobiert worden im Burgenland und jetzt kommt es nach Wien -Wir wollen das auch beim Bfi. Der damalige Geschäftsführer hat gesagt, Arbeitskräfteüberlassung ist eine komplexe und schwierige Materie, das war nicht unbedingt etwas, das bei der Gewerkschaft Begeisterung ausgelöst hätte. Aber der Pepi Matzek hat gesagt, das ist ein gutes Werkzeug, um Menschen, die es nicht so leicht haben, wieder in den Job hineinzubringen.

 

arbeit plus Wien: Was war eure persönliche Challenge, wo ihr gesagt habt, wenn uns das in zwei, drei, vier Jahren gelingt, dann haben wir einen guten Job gemacht?

 

Thomas Rihl: Die Aufgabe war immer, Leute, die am Arbeitsmarkt benachteiligt werden und benachteiligt sind, in einen nachhaltigen Job zu bringen. Das ist uns am Anfang sehr schwierig erschienen, weil wir da noch nicht so selbstbewusst waren. Am Anfang war das ein Herantasten an das richtige System und ein Oszillieren zwischen Laissez-faire und Druck, du musst jeden Job annehmen, was natürlich gar nicht funktioniert. Wenn ich jemanden zwinge, dann führt das halt dazu, dass die Person nach drei Tagen krank ist. Und das führt wieder dazu, dass die Firma nichts mehr von uns wissen will, und drei andere, die gerne bei der Firma arbeiten würden, haben dann auch das Nachsehen.Das hat aber auch einige Zeit gedauert, bis wir da drauf gekommen sind.

 

arbeit plus Wien: Ihr habt eine positive Grundhaltung jedem einzelnen Menschen gegenüber, was sich ein bisschen abhebt von einer Kultur, die sich auch breit machen kann, nämlich dass man immer sudert, was alles falsch ist. Hat das was mit dir zu tun?

 

Thomas Rihl: Vielleicht. Ich gehe einfach immer mit denselben Vorurteilen an unsere Teilnehmer:innen und Transitarbeitskräfte heran. Das erste Vorurteil ist, wer zu uns kommt, will arbeiten, auch wenn es vielleicht auf den ersten Blick nicht so ausschaut. Da spielen viele Ängste mit, und Unsicherheiten, wenn man jetzt aus einer vielleicht nicht optimalen, aber gewohnten Situation in eine neue verpflanzt wird, wo sich das ganze Leben verändert. Es ist unser Job, ein Angebot zu machen, das diese Person dann nicht ablehnen kann, weil es so gut passt. Das zweite Vorurteil ist, dass ich glaube, jeder kann irgendwas sehr gut, und unsere spannende Aufgabe ist, das zu übersetzen, wie könnte man das gut verkaufen.

Klar ist, dass wir eben mit Menschen arbeiten, die benachteiligt werden, und das geht sehr schnell am Arbeitsmarkt. Da ist Alter ein Thema, da ist Herkunft ein Thema, und wenn man aus irgendeinem Grund für einige Zeit aus dem Ringelspiel ausgestiegen ist, ist es schwer, wieder reinzukommen.

Eine Trainerin von uns hat gesagt, wir werden dafür bezahlt, dass wir an die Menschen glauben. Und nicht, dass wir sie in Frage stellen, oder ihnen den Willen zum Arbeiten absprechen, ihnen unterstellen, dass sie nicht arbeiten wollen, dass sie das nicht schaffen werden. Und ich würde mir nicht anmaßen, trotz 25 Jahren Erfahrung, zu sagen, den bringen wir sicher unter, und der ist chancenlos. Eine der ersten Personen, die wir vermittelt haben damals, war ein schmächtiger, älterer Herr, der nach 25 Jahren Stein zu uns gekommen ist, leidlich lesen und schreiben konnte, und den wir dann zu einem Job bei einem Lieferunternehmen gebracht haben, der hat Heizöl ausgeliefert. Da hätte man auch gesagt, das ist aussichtslos, auf den ersten Blick.

 

arbeit plus Wien: Ihr habt seit Beginn 144.000 Personen begleitet und lasst seit vielen Jahren die Ergebnisse, die Wirkung zu 100% evaluieren. Und das ist ja eine ganz wichtige Sache, in Zeiten, wo der Legitimationsdruck immer höher wird. Wann und warum habt ihr euch entschieden, das zu machen?

 

Thomas Rihl: Wir versuchen, Erfolgsgeschichten sichtbar zu machen und mit Zahlen zu belegen. Qualitätsmanagement war von Anfang an ein Thema. Dass man weiß, wo man hin will, überlegt, wie man dorthin kommt und dann auch regelmäßig schaut wie weit man da auf dem Weg dorthin ist. Ziel ist die nachhaltige Integration von Personen die am Arbeitsmarkt benachteiligt werden.

Und da war eben das System von Michael Wagner-Pinter sehr gut, um zu sehen, wie sind die Chancen dieser Personen bevor sie zu uns kommen, und was ist danach mit ihnen passiert, wie viele davon waren dann auch dauerhaft in Beschäftigung. Auf Basis dieses Systems haben wir gesehen, die Chancen, dass sie einen Job finden, sind anfangs sehr gering, unter 10%. Tatsächlich hat dann aber jeder Zweite zumindest einmal zu arbeiten begonnen, und jeder Dritte hat den Job dann langfristig gehalten. Das hat mir dann auch geholfen, unseren Mitarbeiter:innen zu sagen, weißt du, wer von deinem Bereich das ist, der sicher keinen Job finden wird? Weil ich weiß, obwohl die Chancen so gering sind, dass trotzdem jeder Zweite in einen Job geht.  Es ist unvorhersehbar wer von den 144.000 es danach schaffen wird mit unserer Unterstützung. Aber es ist klar, dass es dreimal so viele schaffen als ohne unsere Unterstützung!

 

arbeit plus Wien: Gab es irgendwelche Punkte, wo du dir jetzt denkst, da sind wir schon ein bisschen falsch abgebogen in diesen 25 Jahren?

 

Thomas Rihl: wir sind einige Male falsch abgebogen, wer nicht?

Jemanden vom ersten Tag an anzustellen und zu sagen du bist jetzt in Arbeit, obwohl er gar keine Arbeit hat, das war kontraproduktiv. Und da war ein sehr wichtiger Schritt, dass wir die BBE als Vorschaltmaßnahme gehabt haben und dass die Personen ein Stück weit wieder ihre Autonomie zurückgewonnen haben. Man hat gesagt, du musst dir das zumindest anhören, also das Kommen zum Infotag ist verpflichtend. Da gibt es auch diese §49-Sperreandrohung. Und dann liegt es an uns, dich dort zu überzeugen, dass das Sinn macht.

Da fängt unser Job schon an, da sind wir gefordert, wir müssen der Person erklären, warum sie bleiben soll.

 

arbeit plus Wien: Ihr seid ja dafür bekannt, dass ihr schon viel mit KI macht. Hilft der Einsatz von KI, auch eigene Einstellungen und Vorurteile zu hinterfragen?

 

Thomas Rihl: Wenn man sie richtig promptet. Dave Birss hat einen „Gegenprompt“ entwickelt: Gib mir nicht immer recht, sondern stelle mich in Frage. Genauso gut könnte ich sie auch prompten, zu sagen, checke meine Entscheidungen immer darauf, was könnte denn da für ein Bias mitlaufen. Es wird der KI immer ihr Bias vorgeworfen, aber den hat sie ja von den Menschen übernommen, und jeder Personalist ist biased. Darum könnte ich umgekehrt auch mich von der KI korrigieren lassen, weil ich mich z.B. vom Foto beeinflussen hab‘ lassen, und das ist natürlich klar diskriminierend.

Ich glaube, das ist ein ganz wichtiges Reflexionsinstrument, weil es zum Mitdenken zwingt. Anthropic hat ihre eigenen Chats analysiert, und sind draufgekommen, über 90% der User:innen, die jetzt Claude verwenden, die nehmen das Ergebnis so wie es ist. Daran merkt man dann auch, ob jemand beherrscht, mit diesem Ding zu arbeiten, oder ob ich einfach nur abschreibe, und dann habe ich vielleicht sogar noch drinnen unten stehen „Soll ich daraus gleich einen Lebenslauf machen?“ und die Person schickt es so weg. Das ist ein ganz wesentliches Lernfeld für uns alle, und auch unsere Verpflichtung, das jetzt unseren Teilnehmer:innen und Transit-Arbeitskräften mitzugeben.

Beim „Job-Futuromat“ von der Agentur für Arbeit in Deutschland heißt es für Geschäftsführer, 55% deiner Tätigkeit sind bereits automatisierbar. Das heißt nicht, dass jetzt automatisch jeder zweite Geschäftsführer wegmuss, sondern das heißt, dass man anschauen muss, was sind denn das für Tasks, habe ich die bei mir schon automatisiert, um mich auf meine wichtigen Aufgaben zu konzentrieren. Aber dann heißt es, Buchhalter, 100% automatisierbar, obwohl tausende Buchhalter gesucht werden. Es ist nicht so, dass dieser Job von einem Tag auf den anderen verschwindet, aber es ist ein Zeichen: Diejenigen, die weniger qualifiziert sind, die das nicht checken, und sich nicht helfen lassen, werden ganz schnell verschwinden. Wenn ich Dinge automatisieren kann, habe ich mehr Zeit für Dinge, die trotzdem nur ich kann. Ich glaube, es ist einfacher, seine Rolle zu finden, wenn man sich aktiv damit auseinandersetzt, als wenn man Scheuklappen oder Angst hat.

 

arbeit plus Wien: Was ist dein Wunsch für Job-TransFair in 20, 30, 40, 100 Jahren?

 

Rihl: Kurzfristig geht es immer darum, in einer Situation, wo Arbeitsmarktpolitik gebraucht wird, auch die nötigen Mittel zur Verfügung zu stellen für Menschen, die jetzt gefährdet sind, immer weiter aus der Gesellschaft rauszufallen. Denn das ist, wie wir aus der Vergangenheit wissen, ein soziales Benzinfass. Aber wir merken, es macht einen Unterschied, wenn Menschen gesellschaftlich ernst und wahrgenommen werden und integriert werden, und Arbeit ist eben auch ein ganz starkes Integrationselement.

Weil wir dann eher den Fokus d‘rauf haben, uns umeinander zu kümmern und zu schauen, dass es uns gut geht und nicht, wer dazugehört und wer nicht. Darum ist es wichtig, dass da politisch die Vernunft und Einsicht herrscht, dass jede Person, die wieder arbeitet, sozial und wirtschaftlich etwas bringt.

Von der Utopie her: wenn ich jetzt davon ausgehe, ein wachsender Teil der Arbeit wird von der KI übernommen, dann sollte es uns möglich sein, weniger Arbeitsleistung in Erwerbsarbeit zu stecken, und Dinge zu machen, die Arbeit sind, aber nicht bezahlt werden, wie freiwillige Arbeit. Dass sich unser Berufsbild wandelt in Richtung einer Beratung, mit den Menschen herauszufinden, was sie wirklich wollen. Das ist ja auch nicht immer der Fall.

 

Ein schöner Schlusssatz. Thomas, danke für das Interview.

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