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Wartebereich mit zwei Sesseln und einem kleinen Tischchen

Sprachen öffnen Türen

Ein paar Monate hätten dem jungen Mann aus Syrien noch zum Studienabschluss in Englischer Literatur gefehlt – sein Traumberuf Englischlehrer war greifbar, als er seine Heimat verlassen musste. Auf Umwegen kam Ahmad A. nach Österreich und startete mutig durch in einem Land, in dem er weder die Gepflogenheiten noch die Sprache kannte. Doch das mit der Sprache sollte für den begabten Mann kein allzu großes Problem werden.

„Ende des Jahres 2021 bin ich nach Österreich gekommen“, erzählt der junge Syrer in gutem Deutsch. Davor war er neun Jahre in der Türkei gewesen, hatte in allen möglichen Berufen gearbeitet, vor allem am Bau. Sein Vater war in der Baubranche tätig gewesen und A. hatte ihn während des Studiums in den Ferien immer unterstützt. Wertvolle Arbeitserfahrung, die ihm nicht nur in der Türkei zugutekommen sollte… 

Ein junger bärtiger Mann lächelt schüchtern in die Kamera

Und natürlich lernte das Sprachtalent während dieser Jahre auch gleich Türkisch. In Österreich verbrachte er fast ein Jahr in einer Flüchtlingsunterkunft, bis er endlich eine Aufenthaltserlaubnis erhielt. Das Jahr wäre fast ein verlorenes geworden, denn ohne Aufenthaltstitel bekam Ahmad A. auch keine Deutschkurse. Doch der junge Mann zeigte Eigeninitiative, fand Bücher, lernte selbstständig, recherchierte im Internet – hätte er von Anfang an Deutschkurse gehabt, hätte er die neue Sprache wohl noch schneller gelernt.

Als A. nach Wien kam, hatte er bereits Deutschniveau A2 und ergriff alle Chancen, die sich ihm boten. Er suchte intensiv nach einer Arbeitsstelle, machte Deutschkurse bis B2, war mit vollem Einsatz dabei – nur mit dem Job wollte und wollte es nicht klappen. Bis er zum FAB, zum Projekt Step2Austria, zugebucht wurde und auf Berater Aref Al Halbuni traf. „Als Herr A. zu uns gekommen ist, hab‘ ich gleich sein Potenzial gesehen“, erinnert sich der Berater, der selbst aus Syrien stammt. „Das hat mich auch sehr berührt, das war irgendwie die gleiche Geschichte wie bei mir, ich musste auch mein Studium abbrechen.“

Mit der Unterstützung durch Aref Al Halbuni wurde alles leichter für Ahmad A.: „Er hat mir sehr geholfen. Er hat mir erklärt, wie man Vorstellungsgespräche führt, wie man Bewerbungsmails schreibt oder einen Lebenslauf.“ Der Plan war, dass A. gleich zu arbeiten anfängt, den österreichischen Arbeitsmarkt kennenlernt und Erfahrungen sammelt. Dem erfahrenen Berater war vor allem wichtig, dass er Ahmad A. nachhaltig unterstützt, dass die Bemühungen in die richtige Richtung gehen: „Damit er später unbedingt einen Abschluss in Österreich bekommt. Dann hat er mehr Chancen.“ Im Laufe der sieben Monate, in denen A. bei Step2Austria Wissen sammeln konnte, besuchte er Workshops zu verschiedensten Themen wie Arbeitssuche intensiv, Bewerbungsgespräch, Deutsch und frischte seine EDV-Kenntnisse auf. 

Zwei junge Männer mit dunklen Haaren und Bart unterhalten sich
Ahmad A. konnte mit Unterstützung von Aref Al Halbuni am österreichischen Arbeitsmarkt Fuß fassen.

Individuelle Unterstützung mit Fokus auf das persönliche Potenzial der Teilnehmer:innen und der möglichst realitätsnahe Spracherwarb sind das Wichtigste bei Step2Austria. „Wenn jemand Deutschniveau A1 oder A2 hat, suchen wir einen Arbeitsplatz, wo man auf Deutsch kommunizieren kann, aber wo die Kommunikation nicht die Haupttätigkeit ist. Zum Beispiel im Lager, in Produktion, Reinigung, Küche“, weiß Al Halbuni. Die Arbeitsuchenden sollen auch ein realistisches Bild von den Voraussetzungen am österreichischen Arbeitsmarkt erhalten: Für Bürojobs und Callcenter beispielsweise benötigt man mindestens B2-Niveau.

Arbeit ist auch in vieler Hinsicht eine Chance, die Sprache zu verbessern. Deshalb werden die Teilnehmer:innen gezielt auf Deutsch am Arbeitsplatz vorbereitet: mit Unterlagen zu Themen wie „Eine Jobanzeige lesen und verstehen“, „Lebenslauf“, „Wie man Online-Webseiten sucht und versteht“. „Man muss nicht so viele Worte lernen. Insgesamt reichen wahrscheinlich 400 Worte am Anfang“, meint Aref Al Halbuni. „Später kann man aufbauen.“

Aufbauen ist derzeit auch das Hauptthema in Ahmad A.s Leben: Er lernte schnell, war bald qualifiziert genug, um selbstständig gezielt nach Jobs zu suchen – und wurde prompt fündig! „Seit ungefähr einem Jahr arbeite ich in einer Firma auf der Baustelle im Trockenbau“, erzählt er stolz. Der Einstieg war nicht so leicht, stammte seine Erfahrung am Bau doch aus einem ganz anderen Bereich, aber er schaffte auch das. „Zuerst habe ich als Helfer gearbeitet – zwei, drei Monate. Jetzt bin ich besser. Wir bauen Wände, Konstruktionen und alles“, erzählt er.

Er mag das Multikulturelle auf der Baustelle: „Es gibt verschiedene Nationalitäten. Es gibt Türken, Ukrainer, Rumänen, Serben – da lernt man andere Kulturen kennen.“ Und für Ahmad A. gibt es nichts Besseres, als etwas Neues zu lernen, zum Beispiel Sprachen. „Ich liebe Sprachen lernen. Ich habe vorherEnglisch, Türkisch, meine arabische Muttersprache und Deutsch gelernt. Jetzt lerne ich ein bisschen Serbisch.“ Denn viele Kollegen auf der Baustelle kommen aus Serbien, sprechen fast ausschließlich ihre Muttersprache. „Aber mit Arbeitgebern und Vorarbeitern rede ich Deutsch.“ Dieser Job bringt dem Sprachtalent einen großen Vorteil am Arbeitsmarkt: Mit seiner Erfahrung und seinen Kenntnissen rund um Jobsuche etc. kann er jederzeit einen anderen, vielleicht besseren Job finden, ist sein Berater überzeugt.

Jetzt möchte Ahmad A. erst einmal Erfahrungen sammeln und seinen ersten Job in Österreich genießen. Die Pläne für die Zukunft stehen: „Ich wollte hier erst Arbeit finden. Dann später einen Lehrabschluss machen. Und ich denke, das mache ich jetzt – vielleicht in einem Jahr.“

Ahmad A. wurde beim arbeit plus Wien-Mitglied FAB im Projekt Step2Austria beraten und arbeitet jetzt für AZ Multipack KG im Trockenbau.

„Herr Aref hat mir sehr geholfen.“
Ahmad A.

„Ahmad A. hat großes Potenzial.“
Aref Al Halbuni, Berater bei FAB Step2Austria