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Buntes Graffiti

Kopftuch und Karriere: Kein Widerspruch

Lehrerin für Englisch und Informatik an einer Mittelschule wollte Hatice K. werden – das war ihr großer Traum. Die in Wien geborene Türkin absolvierte die 3-jährige islamische Fachschule für soziale Bildung, wollte anschließend in der Volkshochschule mit der Berufsreifeprüfung die Basis für das Lehramtsstudium legen. Doch die Ausbildung überlastete sie, die Prüfungen waren zu schwer: „Ich wollte nicht weitermachen. Ich wusste nicht, wie es weitergeht. Ich war verzweifelt, unsicher, ohne Plan“, schildert sie.

Gleichzeitig wollte die junge Frau auf eigenen Beinen stehen, arbeitete als Samstagskraft in einem Supermarkt. Der Kund:innenkontakt war eine Herausforderung, doch sie hielt durch. Aber wie könnte sie sich beruflich, ausbildungsmäßig weiterentwickeln? In der islamischen Schule hatte sie bereits ein Praktikum als Ordinationsassistentin und eines als Kindergartenassistentin gemacht – wären das gute Möglichkeiten für ihre berufliche Zukunft? Die vielseitig interessierte junge Frau war orientierungslos.

Eine junge, dezent geschminkte Frau mit farblich auf ihre beige-graue Kleidung abgestimmtem Hijab

Ihre Schwester, die selbst durch A|B|O Jugend den Einstieg als Pharmazeutisch-kaufmännische Assistentin geschafft hatte, empfahl ihr das Projekt. „Da habe ich meine liebe Beraterin kennengelernt. Sie hat mich nie im Stich gelassen“, sagt Hatice K. mit Tränen in den Augen. „Sie hat mir geholfen, meine Ängste zu überwinden. Sie hat mir nicht nur den Weg gezeigt, sondern ist ihn mit mir gegangen.“ Die so gelobte Jasmin Tueart erinnert sich an die junge Frau als „sehr zugängliche, engagierte Person“, die anfangs schüchtern und nervös war: „Ich musste sie ein bisschen aus der Reserve locken, aber dann hat sie viel Eigenständigkeit entwickelt und ihren Weg gefunden.“

„Ich wollte alles ausprobieren. Sei es im medizinischen Bereich, Technik, Pädagogik“, erzählt Hatice K. euphorisch. Sie besuchte Veranstaltungen, Workshops, schaute sich verschiedene Berufsfelder an und nutzte die vielen Möglichkeiten bei A|B|O Jugend. Im „AQUA CheckIn“ erfuhr K. alles über die verkürzte 
Lehre, mit den Mädchen-Lotsinnen machte sie Exkursionen zu Wien Energie, zu Jobbörsen und Infoveranstaltungen des AMS für Jugendliche. Das Workshop-Programm für Mädchen umfasst „Talk and Chill“ ebenso wie „In Tanzschritten zur Ausbildung“. Die Burschen haben im Workshop „Men @ Work“ die Möglichkeit, sich mit ihren Rollenbildern, mit toxischer Männlichkeit, mit Gesundheitsund Freizeitfragen und mit atypischen Berufen auseinanderzusetzen. 

Eine junge Frau mit schwarzen Haaren im Gespräch mit einer jungen Frau in grau-beigem Gewand und Hijab
Jasmin Tueart begleitete Hatice K. bei der Suche nach einer Lehrstelle.

Die Beratung orientiert sich an dem, was die Jugendlichen an Abschlüssen, Kompetenzen und Interessen mitbringen. „Unser Schwerpunkt ist die Vermittlung in den ersten Arbeitsmarkt, in Lehrausbildungen“, erklärt Tueart. Primäres Ziel ist, dass die jungen Menschen eine passende Qualifikation als Basis für ihre berufliche Zukunft erwerben. Zusätzlich zur individuellen Beratung gibt es auch eine 5-wöchige Workshop-Reihe „Mobilität fördern“.

Hatice K. ist von A|B|O Jugend begeistert und empfiehlt es „von Herzen“ weiter: „Wir haben sehr schöne Sachen unternommen. Wir haben Bewerbungen geschrieben. Ich habe noch nie in meinem Leben so professionell geschrieben. Ich habe es durchgelesen und mir gedacht: Wow, ich hätte das allein nie geschafft.“ Und sie konnte Erfahrungen sammeln, sehen, was hinter den unterschiedlichen Berufsfeldern steckt. Zunächst suchte Hatice Kirdar, unterstützt von ihrer Beraterin, im Bereich Kindergartenassistenz. Fast hätte die junge Frau in diesem Job gestartet: Alle Unterlagen waren verschickt, doch sie schwenkte noch einmal um, wollte etwas Neues probieren. „Mein Ziel war, eine Arbeit zu finden, in der ich mich selbst entdecken kann“, erklärt die engagierte junge Frau. „Einen Ort, wo ich gesehen und akzeptiert werde, wie ich bin.“ 

Sie bewarb sich bei verschiedensten Stellen, bekam aber großteils keine Rückmeldung. „Ich gehe davon aus, dass es an meinem Tuch liegt. Nur weil ich das Kopftuch trage, glauben viele, dass ich nichts erreichen kann. Aber genau das hat mich motiviert“, sagt sie kämpferisch. „Das Kopftuch ist Teil meiner 
Identität. Wenn ich damit nicht akzeptiert werde, ist es nicht der richtige Ort für mich. Entweder ich arbeite mit meinem Kopftuch oder gar nicht.“ Im Oktober 2024 bewarb sich Hatice K. um eine Lehrstelle als Verwaltungsassistentin bei der Stadt Wien, im Jänner kam schließlich die heißersehnte Antwort – eine Einladung zum Aufnahmeverfahren! Jasmin Tueart coachte die junge Frau, unterstützte sie bei der Vorbereitung mit Lehrmaterialien. Gemeinsam übten sie Vorstellungsgespräche – und dann war er da, der große Tag:„Ich musste einiges durchmachen“, verrät K.. Arbeitsblätter, Computertest, Gespräch und Präsentation mit selbstgestaltetem Plakat – und dann das gespannte Warten auf das Ergebnis: „Bis heute frage ich mich, wie ich überzeugen konnte“, meint sie immer noch überrascht.

Die Zeit bis zum Ausbildungsstart im Spätsommer nutzte Hatice K. optimal zur Vorbereitung auf ihre berufliche Zukunft: Sie machte aus eigenem Antrieb den Führerschein und absolvierte über das AMS Wien einen Business English-Kurs! Jetzt freut sie sich darauf, in einem neuen, interessanten Berufsfeld Erfahrungen zu sammeln. Sie startete mit großen Vorsätzen: „Ich bin immer bereit, eine helfende Hand zu reichen. Ich will die Bedürfnisse und Sorgen von anderen Menschen ernst nehmen und gemeinsam eine Lösung finden!“ Zusätzlich möchte die 19-Jährige zum Vorbild für alle werden, die mit ähnlichen Schwierigkeiten, zum Beispiel bezüglich des Kopftuchs, konfrontiert sind.

Hatice K. wurde beim arbeit plus Wien-Mitglied A|B|O Jugend beraten und macht jetzt eine Lehre zur Verwaltungsassistentin bei der Stadt Wien.

 

„Jasmin war eine richtige Stütze für mich.“ 
Hatice K.

„Wir stärken und machen stark für die Arbeitswelt.“ 
Jasmin Tueart, Beraterin bei A|B|O Jugend