Einfach in den Job verliebt
Gespannt beobachtet die zierliche alte Dame den rollenden Würfel – er bleibt mit einer Sechs liegen. „Ich darf ansetzen“, freut sie sich. „Na, Frau S., sie haben heute aber echt ein Glück“, lacht ihr junger Spielpartner. Noah B. hat keinen Grund, sich beim Spiel zu ärgern, hat er doch mit seinem Arbeitsplatz das große Los gezogen – er ist, wo er sein will, und das merkt man dem fröhlichen Mann ganz deutlich an.
„Gottseidank ist der Noah da“, sagt seine Kollegin Julia Maly und erinnert sich an den Tag, an dem der damals 27-Jährige über das Projekt „Chance2Work“ im Kolpinghaus „Gemeinsam leben“ Wien-Favoriten startete: Es war ein Faschingsdienstag und er machte sofort begeistert mit beim großen Festtagsumzug, unterhielt die Bewohner:innen und versprühte gute Laune, als hätte er nie etwas anderes gemacht. „Gleich mal die volle Action. Das mag ich persönlich total gerne“, blickt B. dankbar zurück. „Das war meine erste Erfahrung, mein Einstieg, und das hat mir nachhaltig sehr gutgetan!“ Denn – man kann es sich eigentlich gar nicht vorstellen – der junge Mann war nicht immer so gut drauf: „Mit Ach und Krach“, wie er sagt, schloss er die Hotelfachschule ab, machte aber keine Matura. Schnellstmöglich finanziell unabhängig werden – das war sein Ziel. „Mit diesem naiven Vorhaben hab’ ich mir so ein bisschen meine nächsten Jahre verbaut“, meint er heute selbstkritisch. In der Gastronomie und im Verkauf sammelte er erste Erfahrungen, dann war er eineinhalb Jahre auf Jobsuche: „Das hat dazu geführt, dass ich in die Perspektivlosigkeit abgerutscht bin.“
Über das AMS bekam Noah B. Unterstützung: In einem zweitägigen Kurs konnte er seine Interessen, Stärken und beruflichen Möglichkeiten ausloten. Eine Arbeit im Sozialbereich hätte ihn sehr interessiert: „Aber aufgrund meiner schulischen Laufbahn und fehlenden Berufserfahrung hatte ich wenig Chancen.“ Bis er dann im Februar 2024 zum Projekt Chance2Work kam: „Ich habe so lange nach dieser Möglichkeit gesucht und da wurde mir das erste Mal einfach die Hand gereicht.“
Gleich am ersten Tag konnte er hier überall hineinschnuppern, mitwirken – er war hellauf begeistert. Und er ist allen unendlich dankbar: den Teilnehmer:innen, die ihn herzlich ins Team aufnahmen, und auch den Vorgesetzten, die auf Augenhöhe agierten, sich Zeit für die jungen Menschen nahmen. „All das ist für jemanden, der arbeitsuchend ist, notwendig, um wieder wirklich Fuß zu fassen“, rekapituliert er. Im gemeinnützigen Beschäftigungsprojekt Chance2Work können Arbeitsuchende von 19 bis 35 Jahren zwei Berufsfelder kennenlernen: Sie arbeiten entweder im handwerklichen Bereich in der Instandhaltung und Reinigung, reparieren Möbel, führen z.B. Malerarbeiten durch oder sie starten wie Noah B. im Sozialbereich, wo sie Senior:innen direkt im Alten- und Pflegeheim unterstützen und in der Freizeitgestaltung aktiv sind.
Daneben gibt es sozialarbeiterische Unterstützung, Praktika, Workshops, Exkursionen und individuelles Coaching. „Dabei geht es primär um Beruf und Bewerbungen“, weiß Julia Maly, die als Coach die Teilnehmer:innen einmal pro Woche unterstützte. „Wir schauen, welche Steine im Weg liegen, warum es bisher nicht geklappt hat mit dem Job. Wir versuchen, gemeinsam mit den Teilnehmer:innen den Weg freizumachen.“ Zwei Monate begleitete Julia Maly als Coach Noah B. und war beeindruckt von seinem Engagement: „Er hat sich da voll reingestürzt. Er hat super gepasst. Nicht nur für uns, auch für die Bewohner:innen.“ Als sie dann zur Arbeitsanleitung der Gruppe wechselte, konnte sie den jungen Mann mit dem sozialen G’spür noch besser kennenlernen: „Er war einfach immer super zuverlässig und eigenständig. Er hat auch eine gute Stimmung und Atmosphäre in die Gruppe gebracht.“ Und dann kam Noahs große Chance: Wenige Wochen nachdem er im Kolpinghaus „Gemeinsam leben“ Favoriten gestartet hatte, kündigte eine seiner Vorgesetzten und es wurde eine fixe Stelle frei. Allen war klar: Noah B. wäre ideal für diese Position. Der Posten wurde ihm angeboten und er musste nicht lange überlegen: „Ich hab‘ mir gedacht, warum nicht. Einfach mal versuchen. Und hab‘ mich total in diesen Job verliebt“, sagt er mit einem entwaffnenden Lächeln.
Seit November 2024 ist er für verschiedene Aktivitäten im Haus zuständig, vor allem sportliche Beschäftigungen für die Senior:innen wie Volleyball, Sitzfußball, Fit-Mach-Mit etc.. Gemeinsam mit einer Kollegin koordiniert er die ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen. Zusätzlich betreut er eine Senior:innen-WG in Ottakring. Und natürlich ist er – wie seine Kolleg:innen – Arbeitsanleiter für die Chance2Work-Teilnehmer:innen. „In der Übergangszeit hab‘ ich sogar die Leute betreut, mit denen ich gemeinsam im Projekt war“, erzählt er und freut sich, dass er auch eine Art Rolemodel ist. Denn es sei sehr wichtig, dass die Jüngeren sehen, dass es keine leeren Versprechungen sind, wenn die Arbeitsanleiter:innen sie zum Durchhalten ermutigen und ihnen Erfolge in Aussicht stellen. Obwohl sich Noah B. eigentlich nie in der Geriatrie gesehen hatte – er wollte in die Pädagogik, mit Kindern und Jugendlichen arbeiten – geht er jetzt in seiner Arbeit vollends auf: „Ich bin in einer großen Lernphase momentan. Ich versuche alles aufzusaugen. Meine jetzige Priorität ist einfach, in der Branche Fuß zu fassen und so viel zu lernen, wie geht.“ Natürlich möchte er sich noch fortbilden und weiterentwickeln, aber: „Ich fühle mich jetzt da, wo ich bin, genau richtig. Ich fühle kein Verlangen, irgendwie weiterzuziehen“, bekräftigt er.
Noah B. wurde beim arbeit plus Wien-Mitglied Chance2Work beraten und arbeitet jetzt im Kolpinghaus "Gemeinsam leben" in Wien-Favoriten.
„Ich habe mich gleich angekommen gefühlt.“
Noah B.
„Wir hatten Glück, dass er zugesagt hat.“
Julia Maly, Kolpinghaus „Gemeinsam leben“ Wien-Favoriten